Robert C. Rore: „Der Ursprung der Welt – die andere Seite“

Manet malte 1863 sein Bild „Olympia“. 1865 wurde dieses Bild ausgestellt und löste einen Riesenskandal aus. Die junge Frau, die da so unfassbar stolz und nackt präsentiert wurde, war natürlich nicht komplett entblößt: mit einer Hand deckt sie ihre Vagina ab. Diese Hand anzuheben und die komplette Nacktheit zu sehen, hätte in Wirklichkeit sehr viel Geld gekostet. Da ganz Paris wusste, dass es sich bei dem Modell um eine bekannte „Käufliche“ handelte, wurde praktisch jeder Betrachter des Bildes zu einem möglichen „Käufer“ der Dienstleistungen der jungen Frau. Entsprechend aufgebracht reagierte insbesondere das männliche Publikum und attackierte das Bild mit Regenschirmen und Polizei musste zum Schutz des Bildes anrücken.

Der Maler Gustave Courbet hat den Salon 1865 sicher besucht und dabei Monets „Olympia“ gesehen – und 1866 war ein nicht minder skandalträchtiges Bild auf der Welt: „Der Ursprung der Welt“ (L’Origine du monde) von Courbet. Da das Bild, ein direkter Blick auf eine behaarte Vulva zwischen gespreizten Beinen, eine Auftragsarbeit des osmanischen Diplomaten und Kunstsammlers Khalil Bey war, erschien Courbets Werk nicht auf irgendwelchen Ausstellungen. Das Bild war eher ein Raunen in der Welt der Kunstkenner denn dass es jemand mit eigenen Augen gesehen hätte. Verdeckte zuerst ein Vorhang das skandalträchtige Bild, wurde später ein richtiger Schrein um den Ursprung der Welt gezimmert – eine unverfängliche Schneelandschaft musste mit einem Schlüssel geöffnet werden um den Blick auf den Ursprung der Welt frei zu geben.

Heute sind beide Werke im Musée d’Orsay in Paris zu sehen und man kann mit großem Vergnügen dort eine Bildungsreise der Darstellung weiblicher und männlicher Geschlechtsmerkmale oder -teile machen.

Natürlich hat der Ursprung der Welt auch eine andere Seite – die männliche nämlich. Die darzustellen stellte sich für mich als gar nicht so einfach heraus. Courbets Bild ganz klassisch rechteckig im Querformat wurde bei meiner „anderen Seite“ zum Tondo. Ein kreisrundes Format, um die Blicke des Voyeurs zu betonen. Die verstohlene Schlüssellochperspektive auf männliche Geschlechtsteile ohne jeden Verweis auf ein Drumherum. Die Rahmung der Bilder sind kreisrunde Leuchtringe. Eigentlich hat Licht die Funktion etwas sichtbar zu machen, hier aber überstrahlen die Lichtringe die Bilder und machen eher unsichtbar denn sichtbar. Und wer bei den Leuchtringen an Heiligenscheine denkt und einen altarähnlichen Aufbau sieht, ist nicht weit von Courbets Bild entfernt. Das war in einem verschließbaren Schrein eingesperrt – wie ein gotischer Flügelaltar, dessen prächtiges Innenleben nur an Festtagen gezeigt wurde. Zu sehen sind die Werke in der Ausstellung „Eine Runde Sache“. (Robert C. Rore)

Eine Runde Sache

Grafik mit verscjieden großen weißen Kreisen auf hellgrauem Hintergrund

Eine Runde Sache
Gruppenausstellung ab 12. Mai 2022

Mit Arbeiten von busn, Nikolaus Keller, Dirk Klose, Astrid Köhler, Robert C. Rore, Sergey Sovkov, Kurt Walters u.a.

Der Titel dieser Gruppenausstellung ist keine Reminiszenz an unser 25-jähriges Firmenjubiläum, welches wir leider pandemiebedingt vergangenes Jahr nicht feiern konnten – nein, der Titel beschreibt das Format der künstlerischen Arbeiten, diese sind nämlich allesamt rund.

Runde Bilder kommen in der Kunstgeschichte durchaus vor. Das vielleicht berühmteste ist Michelangelos „Tondo Doni“ (die Heilige Familie), welches in den Uffizien zu bewundern ist und in dessen Hintergrund die Nackerten nur so wuseln. Bei Sebald Behams „Frauenbad“ nach einer Vorlage von Albrecht Dürer oder bei Ingres’ „Das türkische Bad“ nehmen die Künstler mit dem Rund quasi die „Blick durchs Schlüsselloch-Perspektive“ ein, um die dargestellten erotischen Szenen nochmals zu unterstreichen. In unserer Ausstellung lässt sich dies allenfalls den Gemälden von Robert C. Rore und Sergey Sovkov andichten. Ins Surreale schweifen die Arbeiten von Astrid Köhler und ins Reale die von Dirk Klose. Handfest wird’s bei der Installation „Die vier Jahreszeiten“ von busn, die entfernt an die legendäre Kantine des SPIEGEL erinnert und Nikolaus Kellers Arbeiten können sehr wohl als Talismane durchgehen.

Die Vernissage findet am 12. Mai ab 19 Uhr in Anwesenheit des einen oder anderen Künstlers statt. Alle Exponate der Ausstellung sind ab dem Abend der Eröffnung wie gewohnt in unserem Web-Shop zu finden.

Geboren um sterbend zu leben

Leo Pfisterer, Skulptur: Geboren um sterbend zu leben - Don Quijote, Bronze, ca.58x44x17cm, Auflage 10, o.A.d.J.

Seit Jahrhunderten geistert der Ritter von der traurigen Gestalt, Don Quijote, durch die Literatur. Schon am Anfang des 17. Jahrhunderts von Miguel de Cervantes erdacht, war das Werk ein früher Bestseller, der auch recht schnell ins Deutsche übersetzt erschien.

Bis heute hat der Roman und die Figur des Don Quijote zahlreiche Kunstschaffende inspiriert und nicht nur die deutsche Sprache um die Redewendung „Kampf gegen Windmühlen“ bereichert.
Der Erfolg des Don Quijote erklärt sich dadurch, dass sich hinter der Komödie ein tragisches Schicksal verbirgt. Denn erst auf dem Totenbett erkennt der einsame Ritter Don Quijote die Sinnlosigkeit seines Handelns – eine zutiefst menschliche Verhaltensweise. In der elften Ausgabe unserer Ausstellungsreihe „The Male Figure“ kommt Skulptur zahlreich vor. Neben den köstlich humorvollen Figuren von Elke Biel, beispielsweise auch die Bronze mit dem oben stehenden Titel und der dem Don Quijote gewidmeten Skulptur von Leo Pfisterer. Merke: Manches Mal ist’s gut, sich vorher Gedanken zu machen.

Elke Biel, Illusion I, Skulptur: Holz, Draht & Ton Keramik, 57x17x15cm, monogr., dat.

Frühstück im Grünen

Rinaldo Hopf, Déjeuner sur l’herbe - nach Manet, Aquarell auf Papier, 70x100cm, sign., dat. 2022

Verwechseln Sie auch Édourd Manet und Claude Monet? Nicht wegen der Seerosen, da ist die Sache ganz klar. Von beiden Künstlern gibt es jedoch ein Gemälde, beziehungsweise Überarbeitungen, Fragmente und Studien zu einem Werk mit dem Titel „Frühstück im Grünen“. Beide Großformate sind für ihre Zeit sehr frivole Bilder, die sich nicht nur in Blicken und erotischen Anspielungen verlieren. Eine Nackte und im Hintergrund noch eine. Zwei Damen in rauschendem Taft auf dem Weg ins Gebüsch, die von einem Herrn mit drohendem Stöckchen angesprochen werden. Also sowas. Beide Gemälde greifen auf historische Bildüberlieferungen zurück. Beide sind Meisterwerke französischer Malerei.

Kein Wunder, dass es zeitgenössische Künstler reizt, sich mit diesen Vorbildern auseinander zu setzen. Rinaldo Hopf, der Tausendsassa des schwulen Gedächtnisses mit seinen Golden Queers, Kenner der unmissverständlichen Gesten, Herausgeber und bewandert in der Kunst des schwulen Networkings, liefert, in seiner ganz eigenen Bildsprache, zum Frühstück im Grünen ein großformatiges, flüchtig erscheinendes Aquarell. Ein frivoles, homoerotisches Echo der Belle Époque, das in der aktuellen Ausstellung „The Male Figure XI“ zu sehen ist.

https://kunstbehandlung.com/Gruppenausstellungen/The-Male-Figure-11

Gay Ghostbusters

It’s trouble out there. Und nicht nur da, sondern auch drinnen. In der Küche lauert in Mutters Küchenschrank der Schwuchtel-Dämon hinter der Tür des Abteils für die kleinen und mittleren Teller. Wie widerlich!
Maxim Gregorek, Kunststudent seines Zeichens, hat die Gefahr erkannt und den albern posierenden Dämon mit einer vorzüglichen Bleistiftskizze auf die Innenseite der Schranktür gebannt. Das ging eben gerade mal noch so gut und es ist wunderbar. Merke: Der Schwuchtel-Dämon lauert allüberall.

Zu sehen ist das Werk in der aktuellen Ausstellung „The Male Figure XI„.

Perspektive und Realität

Werk von Mari Terauchi, zu sehen in der Kunstbehandlung
Werk von Mari Terauchi, zu sehen in der Kunstbehandlung

Ein Zeitgenosse Caravaggios, Annibale Carracci, selbst ein Gigant der Malerei, versuchte sich wie seinerzeit üblich unter konspirativen Umständen auch in anatomischen Studien. Beispielsweise mit dem Werk „Salma di Christo“, zu sehen in der Stuttgarter Staatsgalerie.

Doch irgendetwas stimmt mit dem Bild nicht, wie die japanische Künstlerin Mari Terauchi, in einem handgefertigtem 3D-Modell nachweist. Man mag dem Künstler keine Täuschung vorwerfen, allenfalls religiöse Verblendung.

Mari Terauchi formuliert das mit japanischer Zurückhaltung: „In dieser Arbeit zeige ich mein Interesse an den falschen Größenverhältnissen der Körperteile in alten Gemälden, die eine optische Täuschung über die richtige Größe der Körperteile in einem menschlichen Gehirn erzeugen. Wenn wir einen Menschen von den Füßen aus fotografieren, sind die Füße größer als der Kopf. Unser Gehirn hält jedoch die kleinen Füße des alten Meisters für richtig.“

Merke: Perspektive zu hinterfragen kann nicht schaden.

Zu sehen ist das Werk in der aktuellen Ausstellung „The Male Figure XI“.

Frohe Ostern!


Annibale Carracci (1560-1609)
Leichnam Christi mit den Leidenswerkzeugen, um 1582
zu sehen in der Staatsgalerie Stuttgart
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The Male Figure XI – Haarige Werke

Unsere The Male Figure-Gruppenausstellungen sind immer für spannende Überraschungen gut. In der aktuell zu sehenden Schau gehören dazu beispielsweise Max Ströders Malereien. Das sind handwerklich ohne Makel gefertigte Ölgemälde, in handlichem Format, in einer Orgie aus Grauabstufungen, Schwarz, Weiß, mit bisher unbekannten Grauschattierungen – „Shades of Grey“ mit vielen liebevoll gemalten Haaren und Härchen bei den abgebildeten Mannsbildern. Wunderbar, auch wenn man’s lieber glatt mag. Wir zeigen daher ein gutes halbes Dutzend Werke von Max Ströder angefordert, die nun in der Galerie und im Web-Shop zu entdecken sind.

Apropos Haare: Als Leihgabe des Haarmuseums zeigen wir in der aktuellen Ausstellung auch das unverkäufliche Objekt „Scham“ von Simon Freund. Vier Gläser mit der jährlichen Schur der Schamhaare des Künstlers, eine Performance, die auf lebenslange Laufzeit angelegt ist., Der Künstler gibt übrigens keinen Wohnort an und grüßt derzeit aus Ägypten. Weil das Objekt nicht zum Verkauf aufgerufen ist, ist es nur in der Galerie zu bewundern.

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Peter Schauwecker zum Abschied

Werk von Peter Schauwecker (2000) mit dem Titel "Jung und alt"
Werk von Peter Schauwecker (2000) mit dem Titel „Jung und alt“

Animula vagula blandula
Hospes comesque corporis
Quae nunc abibis in loca
Pallidula rigida nudula
Nec ut soles dabis iocos

Gedicht von Publius Aelius Hadrianus, Kaiser von Rom. Frei übersetzt:

„Kleine Seele, wandernde, zärtliche, Gast und Gefährtin des Leibes, Wohin wirst du nun entschwinden? An Orte, die bleich sind, starr und düster, Und du wirst nicht mehr wie gewohnt scherzen.“

Am 2. März 2022 entschlief friedlich Peter Schauwecker endgültig dieser Welt, im stolzen Alter von 85 Jahren.
Für seine Studenten war Professor Peter Schauwecker ein Pionier der homosexuellen Emanzipation. In seinen Vorlesungen gab es in Gleichnissen offenkundige Hinweise auf eine Art Männerehe des Professors – seinerzeit gewagt und völlig unüblich. Darüber hinaus engagierte sich Peter Schauwecker in der Münchner Gay Community.
Peter Schauwecker hat sich auch ambitioniert mit Malerei und Aquarell befasst, mit ganz erstaunlichen Ergebnissen, die ebenso Präzision wie spektakuläre Inhalte zeigen – in altmeisterlicher Technik gefertigte Bildnisse von Transvestiten beispielsweise.
Als Lektüre empfehlen wir das Buch: Männer und Landschaften (ISBN 978-3000170478).
Das diesen Zeilen vorangestellte Zitat des Kaisers Hadrian schmückt auch den Kaminsims auf dem Titelbild des erwähnten Buches. Hadrian hat zeitlebens den frühen Tod seines Lustknaben Antinoos nicht verwunden.

Wir hatten in der Kunstbehandlung das Vergnügen mehrere Ausstellungen mit dem Künstler zu gestalten. Peter Schauwecker wird in unserer kollektiven Erinnerung weiterleben als ein Tabubrecher auf höchstem Niveau.
Servus. Peter.


Cover des Buches "Männer und Landschaften" von Peter Schauwecker, erschienen 2005

The Male Figure XI – Internationale Gruppenausstellung

Max Ströder, "Hosenträger“, 24x30cm, Öl auf Lwd., 2021

Das Sujet „The Male Figure“ stellt die Kunstbehandlung jährlich ins Zentrum einer gleichnamigen, international beachteten Gruppenausstellung. Zum Konzept gehört, dass sich zu bekannten Künstlern der Galerie, die zum klassischen Thema Männerbilder arbeiten, neu entdeckte Talente aus der ganzen Welt und mit unterschiedlichster kultureller Prägung gesellen und damit neue Sichtweisen auf dieses Teilgebiet der figurativen Kunstwelt ermöglicht werden.

Die Annäherung an das „Männliche“ erfolgt künstlerisch sehr individuell, persönlich, oftmals kritisch, aber bisweilen auch humorvoll. Die Gemälde, Zeichnungen und Skulpturen der Ausstellung zeigen eine große Vielfalt an Arbeitstechniken und Stilen, darunter Akt- und Porträtmalerei, Studien, Pop Art, Abstraktion und Fotorealismus.

Die Gruppenausstellung ist ab 24. März 2022 zu sehen.

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Sergey Sovkov – Kabinettausstellung

Sergey Sovkov, 21297GR-CG, Demyan, Akryl auf Papier, 60x40cm, sign., dat. 2021

Seit 2014 zeigt die Kunstbehandlung jährlich die neuesten Arbeiten des äußerst vielseitigen russischen Künstlers Sergey Sovkov. Nach seiner Ausbildung in der Kunstfakultät an der staatlichen Universität in Togliatti und Fortbildung am staatlichen Repin Institut in St. Petersburg, hat der 1972 geborene Künstler schon vor Jahren Putins homophobes Reich verlassen und lebt und arbeitet inzwischen in Wien.

Die Bandbreite des außergewöhnlichen Künstlers erstaunt immer wieder. Neben Gemälden, Aquarellen, Zeichnungen und Kleinskulpturen werden auch neu entstandene Papierarbeiten präsentiert, die handwerklich meisterhaft umgesetzt sind und eine verblüffende Bildtiefe und Mehrdimensionalität entstehen lassen. Alle Werke Sergey Sovkovs zeigen unabhängig von der Arbeitstechnik und den verwendeten Materialien seinen unverwechselbaren Stil und dennoch überrascht er immer wieder mit Weiterentwicklungen seines Schaffens.

Die Kabinettausstellung ist ab 10. März 2022 zu sehen.